
Fachkräftemangel im Handwerk: Warum Jobmessen für Ausbildungsbetriebe unverzichtbar sind
Kein Dachdecker in drei Monaten. Kein Elektriker vor dem Herbst. Wer in Deutschland einen Handwerker braucht, braucht vor allem Geduld. Hinter den langen Wartezeiten steckt keine mangelnde Nachfrage – im Gegenteil. Es fehlt an den Menschen, die die Arbeit erledigen könnten. Rund 250.000 Stellen im Handwerk sind bundesweit unbesetzt. Etwa die Hälfte davon kann rechnerisch gar nicht besetzt werden, weil es schlicht nicht genug Bewerber gibt.1
Ein Problem mit besonderer Schärfe
Der Fachkräftemangel betrifft viele Branchen. Aber das Handwerk trifft er härter als die meisten. Denn Handwerksleistungen lassen sich nicht ins Homeoffice verlagern, nicht automatisieren und nicht auslagern. Wer eine Heizung installieren, ein Dach decken oder eine Küche einbauen will, braucht Menschen vor Ort – mit den richtigen Händen und dem richtigen Wissen.
Die Zahlen belegen, wo die Lücke am größten klafft: Allein im Bereich Sanitär‑, Heizungs- und Klimatechnik konnten im März 2025 mehr als 12.000 Stellen rechnerisch nicht besetzt werden. In der Dachdeckerei fehlten über 3.000 qualifizierte Fachkräfte.2 Termine verzögern sich, Aufträge müssen verschoben oder abgelehnt werden, wie der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) konstatiert.1
20.000 leere Lehrstellen – jedes Jahr
Der Fachkräftemangel von heute ist der Ausbildungsmangel von gestern. Jährlich bleiben im deutschen Handwerk rund 20.000 Ausbildungsplätze unbesetzt.3 In Baden-Württemberg starten zwar über 10.000 Jugendliche jedes Jahr eine handwerkliche Ausbildung – gleichzeitig bleiben aber mehr als 7.500 Lehrstellen offen. Parallel fehlen dem Land rund 14.000 qualifizierte Handwerksfachkräfte.4
Die Ursachen sind bekannt: Der demografische Wandel reduziert die Zahl der Schulabgänger. Der Trend zum Studium lenkt einen wachsenden Teil davon in die Hörsäle. Und das Image des Handwerks – trotz aufwendiger Kampagnen – kämpft noch immer gegen das Vorurteil, Handwerksberufe seien weniger angesehen als akademische Laufbahnen.
Südbaden als Lichtblick
Dabei zeigt ausgerechnet Südbaden, dass die Trendumkehr möglich ist. Die Handwerkskammer Freiburg verzeichnete zum Stichtag 30. September 2025 insgesamt 2.636 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge – ein Plus von sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr und das stärkste Wachstum seit über zwei Jahrzehnten.5
Besonders bemerkenswert: Der Zuwachs verteilt sich auf die gesamte Region.
- Ortenau: 847 Verträge (+9,6 Prozent)
- Freiburg Stadt: 384 Verträge (+8,8 Prozent)
- Breisgau-Hochschwarzwald: 587 Verträge (+7,9 Prozent)
- Emmendingen: 347 Verträge (+7,1 Prozent)
- Lörrach: 395 Verträge (+3,7 Prozent)
Einen wesentlichen Anteil an diesem Erfolg haben Auszubildende mit ausländischem Pass: 711 der 2.636 neuen Handwerkslehrlinge – also gut 27 Prozent – kommen aus dem Ausland.5
Warum gerade das Handwerk die Messe braucht
Was ein Mechatroniker tut, kann man erklären. Was ein Schreiner erschafft, muss man sehen. Was ein Bäcker leistet, muss man riechen. Das Handwerk lebt von der Sinnlichkeit seiner Berufe – und genau das lässt sich online kaum vermitteln. Eine Stellenanzeige auf einem Portal kann den Beruf beschreiben. Eine Messe kann ihn erlebbar machen.
Für Handwerksbetriebe, die oft weder eigene Personalabteilungen noch große Marketingbudgets haben, bieten Berufsmessen einen entscheidenden Vorteil: Sie bringen potenzielle Azubis direkt an den Stand – ohne Streuverlust, ohne digitale Hürden, ohne Ghosting. Gerade Kleinstbetriebe, bei denen die Unbesetzungsquote laut DIHK bei 58 Prozent liegt,6 profitieren von einem Format, das persönliche Überzeugungskraft belohnt statt Marketing-Budgets.
Mit über 130 Berufen gegen das Imageproblem
Das Handwerk bietet über 130 Ausbildungsberufe – vom Augenoptiker bis zum Zimmerer, vom Goldschmied bis zum Anlagenmechaniker. Viele davon sind Jugendlichen schlicht nicht bekannt. Die Imagekampagne des ZDH wirbt seit 2025 unter dem Motto „Wir können alles, was kommt” für die Vielfalt des Handwerks, unter anderem mit TV-Spots zur Primetime und einer eigenen App namens „Handwerk Heroes”, die spielerisch Berufsorientierung bietet.7
Doch Kampagnen erzeugen Aufmerksamkeit – keine Verträge. Der letzte Schritt, die Entscheidung für einen konkreten Betrieb und einen konkreten Beruf, fällt fast immer dort, wo ein Gespräch stattfindet. Wo ein Meister seinen Alltag schildert. Wo ein Azubi erzählt, wie die Ausbildung wirklich ist.
Der marktplatz arbeit südbaden: Handwerk trifft Nachwuchs
In Südbaden ist der marktplatz arbeit südbaden genau dieser Ort. Seit 2005 bringt die Karrieremesse Betriebe aus der gesamten Region – darunter zahlreiche Handwerksbetriebe – mit Jugendlichen und ihren Familien zusammen. Mit über 400 Ausbildungsberufen, Studiengängen und Weiterbildungsangeboten deckt die Messe die gesamte Breite der beruflichen Möglichkeiten ab.
Für Handwerksbetriebe bietet das Format einen besonderen Vorteil: Sie können zeigen, was ihre Berufe ausmacht – nicht als Text auf einem Bildschirm, sondern im direkten Gespräch, mit Werkstücken, mit Geschichten aus dem Alltag. Der nächste Termin: 13. und 14. November 2026 in der Messe Freiburg.
Fazit
Das Handwerk steht vor einer paradoxen Situation: Die Nachfrage nach seinen Leistungen war selten so groß – und die Zahl derer, die diese Leistungen erbringen können, war selten so klein. Die Zahlen aus Südbaden zeigen, dass die Trendwende bei der Nachwuchsgewinnung möglich ist. Aber sie kommt nicht von allein. Sie kommt, wenn Betriebe sichtbar werden, junge Menschen ansprechen und dort präsent sind, wo Berufsentscheidungen fallen: auf der Messe, im Gespräch, von Mensch zu Mensch.
Quellen
- ZDH – Zentralverband des Deutschen Handwerks: „Fachkräftesicherung im Handwerk”
- handwerk.cloud: „Fachkräftemangel im Handwerk: Zahlen & Lösungen”
- Handelsblatt: „20.000 Lehrstellen unbesetzt – Handwerk fordert Bildungswende”
- HANDWERK BW: „Karriere mit Zukunft – das Handwerk feiert seinen Aktionstag”
- Handwerkskammer Freiburg: „Ausbildungsmarkt in Südbaden ist noch stabil”
- DIHK: DIHK-Ausbildungsumfrage 2025
- ZDH: Imagekampagne Handwerk / handwerk.com: „Handwerk startet neue Kampagne”
