
Exportschlager Bildung in der Krise: Was Deutschland tun muss, um wieder Vorreiter in der Berufsbildung zu werden
Es gibt Dinge, die man in Deutschland so selbstverständlich voraussetzt, dass man vergisst, wie außergewöhnlich sie sind. Das duale Ausbildungssystem gehört dazu. Länder wie Indien, China, Vietnam und weite Teile Europas schauen bewundernd auf ein Modell, das Theorie und Praxis so eng verzahnt wie kaum ein anderes weltweit. Und doch steckt genau dieses Modell, das als „Exportschlager“ und „Bildung made in Germany“ gepriesen wird, in einer handfesten Krise.
2025 wurden laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) rund 476.000 neue Ausbildungsverträge abgeschlossen – das sind 10.300 weniger als im Vorjahr, ein Rückgang von 2,1 Prozent. Gleichzeitig hatten zum Stichtag 30. September 2025 rund 84.400 junge Menschen noch keinen Ausbildungsplatz gefunden. Das ist der höchste Wert seit 2010. Auf der anderen Seite blieben etwa 54.400 Ausbildungsstellen unbesetzt. Man steht also vor einem Paradox: Es gibt zu viele offene Stellen und zu viele erfolglose Bewerberinnen und Bewerber zur gleichen Zeit.
Wie ist das möglich – und, wichtiger noch: Was muss sich ändern, damit Deutschland in der Berufsbildung wieder die Führungsrolle übernimmt, die es historisch inne hatte?
Ein System mit Weltrang – und strukturellen Schwächen
Die Stärken des dualen Systems sind gut dokumentiert. Laut der OECD-Studie „Bildung auf einen Blick 2025″ befinden sich in Deutschland 59 Prozent der 18- bis 24-Jährigen in Ausbildung oder Studium – das liegt deutlich über dem OECD-Durchschnitt von 53 Prozent. Noch beeindruckender: Nur 6 Prozent der Absolventinnen und Absolventen einer deutschen Berufsausbildung sind nach ihrem Abschluss nicht beschäftigt. Im OECD-Schnitt sind es 21 Prozent. Das duale System schafft Übergänge, die in anderen Ländern oft durch Langzeitarbeitslosigkeit junger Menschen markiert sind.
Und dennoch: Die duale Ausbildung muss angesichts des rasanten wirtschaftlichen Wandels konsequent modernisiert werden, um ihre Attraktivität zu erhöhen
, konstatiert das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in einer Analyse vom Dezember 2025. Denn trotz aller strukturellen Qualitäten hat das System eine Achillesferse: Es ist abhängig von der Ausbildungsbereitschaft der Betriebe und reagiert zu langsam auf Veränderungen im Arbeitsmarkt. Ein Fünftel der Unternehmen gilt als digitaler Vorreiter – vier Fünftel müssen sich noch mit dem digitalen Wandel auseinandersetzen. Beides wirkt sich direkt auf die Qualität und Modernität der Ausbildungsplätze aus.
Das Passungsproblem: Wenn Angebot und Nachfrage aneinander vorbeigehen
Die vielleicht dringlichste Baustelle am deutschen Ausbildungsmarkt ist das sogenannte Passungsproblem. Junge Menschen suchen Ausbildungsplätze in Berufen oder Regionen, in denen die Unternehmen keine oder kaum Stellen anbieten – und umgekehrt. Der BIBB-Hauptausschuss benennt in seiner Stellungnahme zum Berufsbildungsbericht 2025 klar, was gefordert ist: eine Reduktion dieser Passungsprobleme, eine stärkere Berufsorientierung an Schulen sowie die Förderung der Gleichwertigkeit von beruflicher und akademischer Bildung.
Im Handwerk etwa blieben 2024 rund 19.000 Ausbildungsstellen – also 18 Prozent aller gemeldeten Plätze – unbesetzt. Im Bereich Industrie und Handel waren es sogar rund 42.000. Gleichzeitig hatten 31.200 junge Menschen keinen Ausbildungsvertrag gefunden – der höchste Wert seit 2009. Diese Zahlen beschreiben keinen Mangel an Ausbildungsplätzen in absoluter Hinsicht. Sie beschreiben ein strukturelles Versagen bei der Vermittlung und Orientierung.
Berufsorientierung: Zu spät, zu unspezifisch, zu akademisch geprägt
Wer verstehen will, warum so viele Jugendliche ohne Ausbildungsplatz bleiben, muss früher ansetzen – in den Schulen. Die Berufsorientierung in Deutschland beginnt nach wie vor in vielen Bundesländern zu spät und ist oft akademisch gefärbt. Das Studium gilt als Standardweg, die Berufsausbildung als Plan B. Diese gesellschaftliche Hierarchisierung ist nicht nur falsch, sondern gefährlich.
Das IAB formuliert es pointiert: Notwendig ist eine intensivere und zugleich zielgruppenorientiertere Berufsorientierung
. Niedersachsen geht mit seiner Berufsfachschule dual (BFS dual) einen interessanten neuen Weg: Ab dem Schuljahr 2025/26 wird sie schrittweise eingeführt und bietet Schülerinnen und Schülern ohne Ausbildungsplatz durch einen hohen Praxisanteil eine breit angelegte berufliche Grundbildung. Coaching-Elemente zur Berufswahlentscheidung sind verbindlicher Teil des Unterrichts. Das ist ein Ansatz, der Schule machen sollte – im wahrsten Sinne des Wortes.
Unternehmen können diese Lücke nicht allein schließen, aber sie können aktiver werden. Betriebe, die Schulkooperationen eingehen, Praktikumsplätze anbieten und auf Karrieremessen präsent sind, erhöhen ihre Sichtbarkeit bei genau den jungen Menschen, die sie morgen dringend benötigen. Wer heute nicht investiert, sucht morgen vergebens.
Digitalisierung und Green Skills: Die Ausbildungsberufe der Zukunft
Seit dem 1. August 2025 gelten für zahlreiche duale Ausbildungsberufe neue Ausbildungsordnungen, die technologische, ökologische und gesellschaftliche Veränderungen berücksichtigen. Ab August 2026 tritt die umfassende Reform der Bauwirtschaft in Kraft – 19 modernisierte Ausbildungsordnungen, die Digitalisierung, Nachhaltigkeit und neue Prüfungsformate integrieren. Das BIBB hat dazu eigens Umsetzungshilfen entwickelt.
Dieser Reformkurs ist richtig und notwendig. Die Arbeitswelt verändert sich schneller als je zuvor, und Ausbildungsinhalte, die noch vor fünf Jahren zeitgemäß waren, müssen heute neu gedacht werden. Künstliche Intelligenz, digitale Lernplattformen, Lernmanagementsysteme, adaptive Prüfungssysteme – all das hält Einzug in die betriebliche Ausbildung. Hybride Lernformate, die Präsenz- und Online-Lernen kombinieren, gewinnen an Bedeutung und erhöhen nachweislich die Motivation der Auszubildenden.
Besonders zwei Kompetenzbereiche werden dabei zur Pflicht: digitale Grundkompetenz und Green Skills – also das Wissen um nachhaltige Materialien, Ressourceneffizienz und klimabezogene Anforderungen im jeweiligen Beruf. Ausbildungsbetriebe, die diese Themen früh integrieren, sind nicht nur attraktiver für junge Bewerberinnen und Bewerber, sondern auch besser für zukünftige Marktanforderungen gerüstet.
Attraktivität steigern: Vergütung, Karrierechancen und gesellschaftliches Ansehen
Ein weiterer Schlüsselfaktor ist die Attraktivität der Berufsausbildung – und hier hat sich zuletzt einiges getan. Für das Ausbildungsjahr 2026 wurde die Mindestausbildungsvergütung auf 724 Euro im ersten Ausbildungsjahr angehoben. Die durchschnittliche tarifliche Ausbildungsvergütung liegt laut BIBB bei rund 1.066 Euro brutto pro Monat. Das ist kein Luxusbetrag, aber ein Einkommen vom ersten Ausbildungstag an – und das ist im internationalen Vergleich keineswegs selbstverständlich.
Entscheidend ist aber nicht nur der Geldbeutel, sondern das Image. Solange Berufsausbildung gesellschaftlich als zweite Wahl gilt, werden junge Menschen mit Abitur – und ihre Eltern – die Berufsausbildung meiden. Dabei ermöglicht die höherqualifizierende Berufsbildung inzwischen Abschlüsse auf Bachelor Professional- und Master Professional-Niveau, die international anschlussfähig sind. Die Bezeichnungen wurden mit der BBiG-Novelle 2020 rechtlich verankert und können längst mit akademischen Abschlüssen mithalten.
Der DIHK-Fachkräftereport 2025/2026 zeigt: 83 Prozent der Unternehmen erwarten negative Folgen durch den Arbeits- und Fachkräftemangel. 57 Prozent derjenigen, die offene Stellen nicht besetzen können, suchen vergebens nach Beschäftigten mit dualer Berufsausbildung. Der Wert hat sich unter allen Qualifikationssegmenten am stärksten verschlechtert. Das bedeutet: Das Problem ist nicht akademisch, es ist handwerklich und betrieblich – und es wird größer.
Zuwanderung und ungenutzte Potenziale: Pragmatismus ist gefragt
Die inländischen Fachkräftepotenziale werden allein nicht ausreichen. Bis 2028 erwartet das Bundesministerium für Arbeit anhaltende Engpässe in IT-Berufen, Gesundheits- und Pflegeberufen, technischen Berufen und Lehrberufen. Experten gehen davon aus, dass bis 2030 ohne Gegensteuern bis zu fünf Millionen Fachkräfte fehlen könnten.
Das macht zwei Handlungsstränge unumgänglich: Erstens die gezielte Integration junger Menschen mit Migrationshintergrund in das Ausbildungssystem. Laut IAB münden ausbildungssuchende Personen mit Fluchthintergrund seltener in eine Berufsausbildung ein – obwohl das Potenzial vorhanden ist. Inzwischen bilden 48 Prozent der deutschen Betriebe junge Menschen aus anderen Herkunftsländern aus (2019: 41 Prozent). Das ist ein positiver Trend, der weiter gestärkt werden muss. Zweitens bietet das seit Januar 2025 in Kraft getretene Berufsbildungsvalidierungs- und -digitalisierungsgesetz (BVaDiG) eine neue Möglichkeit: Menschen ohne formalen Berufsabschluss können ihre beruflich erworbenen Kompetenzen nun offiziell anerkennen lassen – ein wichtiger Schritt zur Erschließung brachliegender Qualifikationspotenziale.
Die Rolle der Unternehmen: Vom Abwarten zum Gestalten
Am Ende landen alle Überlegungen bei einer zentralen Frage: Was können und müssen Unternehmen selbst tun? Die Antwort der Wissenschaft und der Praxis ist eindeutig: Sie müssen vom passiven Auswahlmodus in einen aktiven Ausbildungsmodus wechseln. BIBB-Präsident Friedrich Hubert Esser hat es auf den Punkt gebracht: Wer heute nicht ausbildet, dem fehlen morgen die Fachkräfte.
Das gilt in einer angespannten Konjunkturlage genauso wie in Boomzeiten – vielleicht sogar noch mehr.
Das bedeutet konkret: Ausbildungsplätze müssen attraktiver gestaltet werden, durch flexible Lernmodelle, digitale Ausstattung, persönliche Begleitung der Auszubildenden und realistische Übernahmeversprechen. Employer Branding muss auch in der Ausbildung konsequent betrieben werden – auf Social Media, auf Karrieremessen, in Schulen. Und Betriebe, die Jugendliche als „nicht ausbildungsreif“ einschätzen, sollten sich fragen, ob es sich um fehlende Reife handelt – oder um fehlende Bereitschaft zur Investition in junge Menschen, die noch Entwicklungspotenzial haben.
Eine Ausbildungsumlage, wie sie Bremen seit 2025 verpflichtend eingeführt hat und Berlin plant, ist ein mögliches politisches Instrument – umstritten, aber ernst zu nehmen. Der Grundgedanke dahinter ist simpel: Unternehmen, die nicht ausbilden, sollen diejenigen finanziell unterstützen, die es tun. Ob dieses Modell flächendeckend trägt, bleibt abzuwarten. Aber die Diskussion darüber zeigt, wie ernst die Lage ist.
Was jetzt gefragt ist: Konsequenz statt Konjunkturausrede
Deutschland hat alle Voraussetzungen, in der Berufsbildung wieder zur führenden Nation zu werden. Das Fundament – das duale System – ist solide. Die Reformbereitschaft – erkennbar an den neuen Ausbildungsordnungen, dem BVaDiG, der steigenden Weiterbildungsförderung auf 4,12 Milliarden Euro in 2026 – ist vorhanden. Was fehlt, ist die konsequente Umsetzung auf allen Ebenen: in der Politik, in den Schulen, in den Betrieben.
Die wirtschaftliche Schwäche der vergangenen Jahre hat viele Unternehmen dazu verleitet, Ausbildungsplätze zu reduzieren. Das ist menschlich verständlich, aber strategisch kurzsichtig. Denn die demografische Entwicklung lässt sich nicht aussitzen. Die Babyboomer gehen in Rente, weniger Nachwuchskräfte rücken nach, und der Kampf um Talente wird in den kommenden Jahren noch deutlich schärfer werden.
Wer jetzt ausbildet, sichert nicht nur seinen eigenen Fachkräftebedarf. Er investiert in die Wettbewerbsfähigkeit seines Unternehmens – und in die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland. Wer ausbilden möchte, findet bei marktplatz arbeit südbaden am 13. und 14. November 2026 in der Messe Freiburg genau den richtigen Rahmen dafür. Die Karrieremesse bringt Unternehmen aus der Region und junge Menschen, die einen Ausbildungsplatz, einen Berufseinstieg oder eine Weiterbildung suchen, direkt zusammen. Wer als Aussteller dabei sein möchte, kann sich jetzt informieren und anmelden unter marktplatzarbeit.com.
Wie sieht das in Ihrem Unternehmen aus, sparen Sie aktuell an der Ausbildung?
Quellen
- Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB): Angespannte Lage auf dem Ausbildungsmarkt – Ergebnisse 2025. bibb.de
- Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB): Berufsbildungsbericht 2025. Bonn, 2025. bmbfsfj.bund.de
- BIBB: Neuordnungen von Aus- und Fortbildungsberufen 2025/2026. bibb.de
- Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): Fitzenberger, B. (2025): Ausbildungsmarkt weiter tief in der Krise: Politik und Betriebe sind gefordert. IAB-Forum, Dezember 2025. iab-forum.de
- DIHK: Fachkräftereport 2025/2026 – Engpässe bleiben eine Herausforderung. Dezember 2025. dihk.de
- OECD / BMBFSFJ: Bildung auf einen Blick 2025 – Länderbericht Deutschland. September 2025. bmbfsfj.bund.de
- HubbS – Hub für berufliche Schulen: Deutschland im Vergleich: Bildung auf einen Blick 2025. hubbs.schule
- Wirtschaftsdienst: Schuß, E. (2026): Zur Diskussion einer Ausbildungsumlage für die duale Berufsausbildung. Heft 3/2026. wirtschaftsdienst.eu
- Niedersächsisches Kultusministerium: Innovationsvorhaben Berufsfachschule dual (BFS dual). Februar 2026. mk.niedersachsen.de
- lvv-bildung.de: Bildung 2026 in Deutschland: Was sich für Ausbildung, Umschulung, Weiterbildung & Coaching ändert. lvv-bildung.de
