Gleiches System, bessere Ergebnisse: Was Deutschland von der Schweizer Berufsbildung wirklich lernen kann

Wer in Deutschland von Berufsausbildung und Schweiz in einem Atemzug spricht, bekommt meistens Schulterzucken als Antwort. Beide Länder haben schließlich ein duales System — Betrieb plus Berufsschule, Theorie und Praxis Hand in Hand. Was sollte die Schweiz da anders machen? Ziemlich viel, wie sich zeigt. Nicht im Fundament, aber in allem, was darauf gebaut ist: in der institutionellen Verankerung, in der Durchlässigkeit zum Hochschulbereich — und vor allem in einem Abschluss, den Deutschland so nicht kennt.

Gleich und doch anders: Was das Schweizer System strukturell auszeichnet

Das Standardmodell der Schweizer Berufsbildung und Äquivalent zu unserer dualen Ausbildung sieht auf den ersten Blick ähnlich aus: Ein bis zwei Tage pro Woche in der Berufsfachschule, drei bis vier Tage im Betrieb — aber zusätzlich werden regelmäßig sogenannte überbetriebliche Kurse (ÜK) zu absolvieren. Diese sind ein dritter, verbindlich geregelter Lernort, den es so in Deutschland flächendeckend nicht gibt. Sie werden von den jeweiligen Berufsverbänden organisiert und vermitteln berufspraktische Fertigkeiten, die kein einzelner Betrieb allein systematisch unterrichten kann. Das Ergebnis: Ein kleiner Handwerksbetrieb mit fünf Mitarbeitenden und ein großes Industrieunternehmen bilden auf demselben Qualitätsniveau aus — weil die Standards außerhalb des einzelnen Betriebs gesichert werden.

Die Schweiz, Deutschland und Österreich zählen zu den sogenannten kollektiven Berufsbildungssystemen: Staat, Wirtschaft und Berufsverbände organisieren und finanzieren die Ausbildung gemeinsam, die Abschlüsse sind berufsspezifisch, standardisiert und national anerkannt. Das Fundament ist also dasselbe. Der Unterschied liegt in der Konsequenz, mit der die Schweiz auf diesem Fundament weitergebaut hat — insbesondere auch beim Thema Hochschulzugang.

Die Berufsmaturität: Was die Schweiz hat und Deutschland nicht

Der entscheidende Unterschied zwischen beiden Ländern ist ein einziger Abschluss, der im deutschen Sprachgebrauch kein direktes Äquivalent hat: die Berufsmaturität.

In der Schweiz können Auszubildende diesen Zusatzabschluss parallel zur Berufsausbildung oder direkt danach ablegen. Die Berufsmaturität ist kein nachgeholtes Abitur und kein Umweg, sondern ein eigenständiger, national anerkannter Abschluss, der speziell auf den Übergang von der Berufsausbildung in eine akademische Weiterbildung ausgerichtet ist. Wer sie in der Tasche hat, kann direkt an eine Fachhochschule (FH) eintreten — ohne zusätzliche Prüfung, ohne Berufserfahrungsnachweis, ohne Wartezeit. Wer sogar an eine Universität oder die ETH — die Schweizer Entsprechung einer Technischen Universität — möchte, legt ergänzend die sogenannte Passerelle ab, eine gezielte Ergänzungsprüfung für diesen Schritt.

Die Zahlen zeigen, wie wichtig dieser Abschluss ist: Ohne Berufsmaturität wechseln nur 11 Prozent der Berufsabsolventinnen und -absolventen in eine Hochschulausbildung — mit Berufsmaturität sind es fast 71 Prozent.

Wie der Weg in die Hochschule in Deutschland geregelt ist — und warum er viele abschreckt

Deutschland hat den Hochschulzugang für Menschen mit Berufsausbildung erst 2009 systematisch geöffnet. Seitdem gilt: Wer einen Meisterbrief, einen Techniker- oder Fachwirtabschluss vorweisen kann, erhält eine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung — also die Freiheit, an jeder deutschen Hochschule jedes Fach zu studieren, ganz ohne Abitur. Dieser Weg ist vergleichsweise klar geregelt und funktioniert gut.

Ohne diesen Zwischenschritt — also direkt nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung, ohne Meister oder Fachwirt — ist das Bild deutlich komplizierter. Wer dann studieren möchte, erhält in der Regel nur eine fachgebundene Hochschulzugangsberechtigung: Der gewünschte Studiengang muss inhaltlich zur eigenen Berufsausbildung passen. Zusätzlich ist in den meisten Bundesländern eine mehrjährige Berufserfahrung erforderlich — meist drei Jahre — sowie das Bestehen eines Eignungsfeststellungsverfahrens, das die jeweilige Hochschule selbst durchführt.

Das Ergebnis ist ein Regelwerk, das gut gemeint, aber kaum vermittelbar ist: Alle 16 Bundesländer haben ihre eigenen gesetzlichen Grundlagen und spezifischen Zugangsvoraussetzungen. Die Unterschiede sind zum Teil erheblich — hinsichtlich der geforderten Berufserfahrungsdauer, der Art möglicher Eignungsprüfungen und der Frage, welche Studienrichtungen überhaupt zugänglich sind. In Baden-Württemberg gelten andere Regeln als in Nordrhein-Westfalen, in Bayern andere als in Berlin. Wer nicht gezielt recherchiert, weiß schlicht nicht, welcher Weg für ihn offensteht.

Genau hier liegt der Kern des Problems: Wenn der Weg von der Berufsausbildung an die Hochschule komplex, wenig bekannt und abhängig von 16 verschiedenen Landesgesetzen ist, kommuniziert das System damit — ob gewollt oder nicht — dass dieser Weg eigentlich nicht vorgesehen ist. Die Berufsmaturität in der Schweiz kommuniziert das Gegenteil: Die Hochschule ist für die Karriere von Anfang an mitgedacht.

Was Deutschland konkret übernehmen könnte

Die Berufsmaturität wäre das wirksamste Importgut — nicht als bürokratische Neukonstruktion, sondern als Prinzip: ein standardisierter, bundesweit einheitlicher Zusatzabschluss im oder direkt nach dem letzten Ausbildungsjahr, der den direkten Fachhochschulzugang garantiert. Wer Meister oder Fachwirt werden will, soll das weiterhin tun können. Aber wer nach der Ausbildung direkt studieren möchte, soll dafür nicht erst eine weitere Fortbildung absolvieren müssen — und schon gar nicht 16 verschiedene Landesregelungen durcharbeiten.

Sinnvoll wäre außerdem die flächendeckende Einführung überbetrieblicher Ausbildungsanteile nach Schweizer Vorbild. Wenn Berufsverbände verbindlich und bundesweit für praktische Qualitätsstandards in der Ausbildung mitverantwortlich sind, werden Unterschiede zwischen kleinen und großen Betrieben geringer — und die Abschlussqualität unabhängiger vom einzelnen Ausbildungsbetrieb.

Und schließlich braucht es einen kulturellen Wandel. Die gesellschaftliche Geringschätzung der Berufsausbildung wird nicht durch bessere Statistiken verschwinden, sondern durch sichtbare Karrieregeschichten und durch Unternehmen, die Ausbildungsabsolventinnen und -absolventen aktiv auf dem Weg in die Weiterbildung und in Führungsverantwortung begleiten.

Warnsignale nicht übersehen

Fairerweise zeigt der Bildungsbericht Schweiz 2026 auch, dass das Nachbarland sich nicht entspannt zurücklehnen kann. Innerhalb von zehn Jahren haben mehr als 6.000 Unternehmen die Ausbildung von Lernenden eingestellt — das ist etwa jeder zehnte Betrieb. Und die Quote der während der Lehre erworbenen Berufsmaturität ist zwischen 2014 und 2023 um 13 Prozent gesunken — genau jener Abschluss also, der die Durchlässigkeit des Systems erst sicherstellt. Auch ein gut konstruiertes System braucht kontinuierliche Pflege — und das aktive Engagement der Betriebe, die es tragen.

Fazit: Nicht das System, sondern was darauf gebaut wird

Der Vergleich zwischen Deutschland und der Schweiz ist kein Gegensatz zwischen gut und schlecht. Es ist ein Vergleich zwischen zwei Ländern mit demselben Fundament und unterschiedlichen Entscheidungen darüber, was darauf gebaut wird. Die Berufsmaturität als strukturierter, einheitlicher Anschlussweg, die verbindliche Rolle der Berufsverbände in der Qualitätssicherung, die gesellschaftliche Selbstverständlichkeit der Lehre.

Wer heute als Unternehmen in der Region Freiburg und Südbaden Nachwuchs sucht, muss auf einen solchen Wandel nicht warten. Er kann ihn mitgestalten — durch aktives Ausbildungsengagement, durch klare Kommunikation darüber, welche Entwicklungsperspektiven ein Ausbildungsplatz im eigenen Betrieb und darüberhinasu wirklich bietet, und durch Präsenz dort, wo Jugendliche ihre Berufsorientierung beginnen.

Welche Maßnahmen ergreifen Sie in Ihrem Unternehmen, um die duale Ausbildung attraktiver zu gestalten — und würde ein bundesweit einheitlicher Hochschulzugangsweg nach Schweizer Vorbild dabei helfen?

Quellen

Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung (SKBF) / Travail.Suisse: Bildungsbericht Schweiz 2026 (März 2026) — https://syna.ch/aktuell/bildungsbericht-schweiz-2026-warnsignale-fuer-die-berufsbildung Schweizerischer Arbeitgeberverband: Bildungsbericht 2026: Stärkung der Berufsbildung hat viele Vorteilehttps://www.arbeitgeber.ch/bildung/bildungsbericht-2026-staerkung-der-berufsbildung-hat-viele-vorteile/ DIHK: Fachkräftereport 2025/2026 – Engpässe bleiben eine Herausforderung (Dezember 2025) — https://www.dihk.de/de/newsroom/fachkraeftereport-2025-2026-engpaesse-bleiben-eine-herausforderung-159846 IAB – Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Mehr als drei Viertel der arbeitslosen Jugendlichen haben keinen Berufsabschluss (April 2025) — https://iab.de/presseinfo/mehr-als-drei-viertel-der-arbeitslosen-jugendlichen-haben-keinen-berufsabschluss/ PersonalvermittlungPlus: Fachkräftemangel 2026 — Zahlen, Branchen und was Unternehmen jetzt tun können (März 2026) — https://personalvermittlungplus.de/fachkraeftemangel-2026/ Raiffeisen Schweiz: Das duale Bildungssystem – eine Schweizer Erfolgsgeschichtehttps://www.raiffeisen.ch/rch/de/wissen/unternehmensthemen/forschungs-und-werkplatz-schweiz/duales-bildungssystem.html SWI swissinfo.ch: Das duale Bildungssystem der Schweiz, einmalig in der Welthttps://www.swissinfo.ch/ger/wirtschaft/schule-und-arbeit_das-duale-bildungssystem-der-schweiz/45474544 EHB – Eidgenössische Hochschule für Berufsbildung: Die Schweiz geht ihren eigenen Weghttps://www.ehb.swiss/service/magazin-skilled/skilled-magazin-zum-thema-international/die-schweiz-geht-ihren-eigenen-weg SECO: Jugendarbeitslosigkeit in der Schweizhttps://www.seco.admin.ch/seco/de/home/Arbeit/Arbeitslosenversicherung/arbeitslosigkeit/Jugendarbeitslosigkeit.html Die Volkswirtschaft: Hilft gut ausgebaute Berufsbildung gegen Jugendarbeitslosigkeit? (Oktober 2025) — https://dievolkswirtschaft.ch/de/2025/10/hilft-gut-ausgebaute-berufsbildung-gegen-jugendarbeitslosigkeit/
studieren-ohne-abitur.de: Allgemeine Informationen zum Hochschulzugang für beruflich Qualifiziertehttps://studieren-ohne-abitur.de/allgemeine-informationen-zum-hochschulzugang-neu/ fernstudi.net: Studium ohne Abitur: Regelungen der Bundesländer 2025https://www.fernstudi.net/magazin/studium-ohne-abitur-regelungen-bundeslaender KMK: Hochschulzugang beruflich Qualifizierter (Beschluss 2009)https://www.kmk.org/themen/hochschulen/studium-und-pruefungen/lebenslanges-lernen.html